Aus Schweigen wurde eine Stimme: Die Holocaust-Überlebende Edith Erbrich erhält die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main

Veröffentlicht: Neuigkeiten Ort: Frankfurt

ffm. Jahrzehntelang schwieg Edith Erbrich über das, was sie als Kind erlebt hatte. Heute erzählt sie ihre Geschichte immer wieder – in Schulen, bei Veranstaltungen und auf Bildungsreisen. Sie tut dies, damit die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus lebendig bleibt und kommende Generationen aus der Geschichte lernen können. Für ihr jahrzehntelanges Engagement für die Erinnerungskultur und ihren Einsatz gegen Hass und Rassismus hat die Stadt Frankfurt sie am Montag, 17. August, mit der Ehrenplakette ausgezeichnet. Oberbürgermeister Mike Josef überreichte ihr die Auszeichnung im Limpurgsaal des Römers.

„Es ist mir eine besondere Ehre, dir hier im Rathaus Römer die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt für deine Verdienste für die Erinnerungskultur und deinen Einsatz gegen Hass und Rassismus zu überreichen“, sagte der Oberbürgermeister. Er würdigte Erbrich als eine derjenigen Zeitzeuginnen, die den Holocaust für nachfolgende Generationen greifbar gemacht hätten. „Es waren Zeitzeuginnen und Zeitzeugen wie Edith Erbrich, die den Holocaust und das Nazi-System für spätere Generationen greifbar machten, indem sie ihre sehr persönlichen und berührenden Geschichten erzählten.“

Edith Erbrich wurde 1937 in Frankfurt geboren. Ihr Vater war Jude, ihre Mutter katholisch. Die Nationalsozialisten stempelten Erbrich und ihre ältere Schwester als sogenannte „Mischlinge ersten Grades“ ab. Die Mädchen durften nicht zur Schule gehen, bei Bombenalarm wurde ihnen der Zugang zum Luftschutzkeller verwehrt, und ihre Mutter wurde unter Druck gesetzt, sich von ihrem Mann zu trennen.

Im Februar 1945 wurde die damals siebenjährige Edith gemeinsam mit ihrer Schwester und ihrem Vater von Frankfurt aus nach Theresienstadt deportiert. Die Mutter musste in Frankfurt zurückbleiben. Die Familie überlebte die letzten Monate des nationalsozialistischen Terrors. Am 8. Mai 1945 wurde Edith Erbrich in Theresienstadt von sowjetischen Soldaten befreit.

Nach dem Krieg besuchte sie in Frankfurt die Schule und absolvierte eine Ausbildung bei der Frankfurter Rundschau. Später arbeitete sie bei den Stadtwerken Frankfurt. Lange Zeit sprach Erbrich kaum über ihre Erfahrungen. Erst nach ihrem Eintritt in den Ruhestand begann sie, über ihre Verfolgung und die Zeit in Theresienstadt zu berichten.

Begegnungen mit anderen Überlebenden, die sie während ehrenamtlicher Tätigkeiten im Jüdischen Krankenhaus Frankfurt kennenlernte, bestärkten sie darin, ihre Geschichte öffentlich zu machen. Seit 1997 ist Erbrich als Zeitzeugin aktiv. Sie berichtet in Schulen, Jugendzentren, Universitäten und bei öffentlichen Veranstaltungen von ihren Erfahrungen. Gemeinsam mit dem Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 engagierte sie sich unter anderem für die Wanderausstellung „Kinder im KZ Theresienstadt“. Ihre persönliche Geschichte veröffentlichte sie 2014 in dem Buch „Ich hab das Lachen nicht verlernt“.

Auch an zentralen Erinnerungsorten in Frankfurt hat Erbrich ihre persönliche Geschichte sichtbar gemacht. Sie setzte sich dafür ein, dass am ehemaligen Standort der Großmarkthalle dauerhaft an die Deportationen der Frankfurter Jüdinnen und Juden erinnert wird. Zudem war sie an der Einweihung einer Gedenktafel an der Europäischen Zentralbank beteiligt.

Für ihren jahrzehntelangen Einsatz gegen das Vergessen, gegen Hass und Rassismus erhielt Erbrich 2007 das Bundesverdienstkreuz und 2026 den Hessischen Verdienstorden.

„Leider sind Fanatismus und Dogmatismus auch in unserer heutigen Zeit präsent“, sagte Oberbürgermeister Josef bei der Verleihung der Ehrenplakette. „Es gibt auch heute Menschen, die ihr Denken und Tun bis ins Extrem treiben. Ich befürchte, dass wir uns immer wieder mit diesem Phänomen auseinandersetzen müssen.“ Denn nichts sei sicher, wenn man es nicht immer wieder neu sichere. Die Demokratie nicht, die Freiheit nicht, aber auch nicht der Rechtsstaat und Sozialstaat.

„Edith Erbrich hat mit ihren Auftritten als Zeitzeugin aber unserer Demokratie und unserem Gemeinwohl gedient“, sagte Josef und dankte der Geehrten. „Ich weiß, dass Zeitzeugen viel Überwindung und Kraft aufbringen müssen, um von ihrer Verfolgung durch die Nazis und von ihren Qualen in Lagern zu erzählen. Liebe Edith, die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt ist für dein Engagement und deine Lebensleistung nur eine bescheidene Anerkennung.“

In ihrer Laudatio betonte Gudrun Schmidt vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933-1945, dass Edith Erbrich in ihrer Arbeit mit jungen Menschen immer dazu auffordere, kritisch zu sein und nicht wegzusehen. „Es ist wichtig, die Vergangenheit nicht dem Vergessen auszuliefern“, sagte Schmidt.

Edith Erbrich selbst sagte: „Dass die Arbeit als Zeitzeugin so wichtig ist, konnte ich mir am Anfang gar nicht vorstellen. Erst später habe ich bemerkt, wie wichtig es ist, über diese Zeit zu sprechen. Ich lebe mittlerweile zwar nicht mehr in der Stadt, habe aber doch die meiste Zeit meines Lebens in Frankfurt verbracht. Umso mehr freue ich mich über diese besondere Auszeichnung.“

Die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt wird seit 1952 an Persönlichkeiten verliehen, die sich auf kommunalpolitischem, kulturellem, wirtschaftlichem, sozialem oder städtebaulichem Gebiet besondere Verdienste erworben und durch ihr Wirken das Ansehen der Stadt Frankfurt in besonderer Weise gemehrt haben.

Fotos Die Holocaust-Überlebende Edith Erbrich hat die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main verliehen bekommen, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler 

Oberbürgermeister Mike Josef applaudiert für Edith Erbrich, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Salome Roessler