„Es wird sicherlich Tränen geben“
Nach 25 Jahren erlebt Jo Schindler am 25. Oktober seinen letzten
Frankfurt Marathon als Renndirektor
ffm. Ein Vierteljahrhundert hat Jo Schindler den Frankfurt Marathon geprägt. Doch am Sonntag, 25. Oktober, verantwortet der 67-Jährige letztmals als Renndirektor die Laufveranstaltung. Im Interview spricht er über Gänsehautmomente in der Festhalle, bewegende Geschichten von der Strecke und darüber, warum ihm für große Abschiedsgedanken gerade noch die Zeit fehlt.
Herr Schindler, Sie haben seit 2002 als Renndirektor den Frankfurt Marathon organisiert. Das heißt: Sie haben schon viele Marathon-Sonntage erlebt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie an Ihren letzten Marathon als Renndirektor am kommenden Sonntag denken?
Jo Schindler: Mir geht es prima. Im Moment bin ich noch ganz Renndirektor. Wir haben einen Teilnehmerrekord mit fast 20.000 Marathonläuferinnen und Marathonläufern und viele weitere ausverkaufte Wettbewerbe. Da gibt es viele Dinge zu tun und wenig Zeit für große Abschiedsgedanken. Aber natürlich ist es etwas Besonderes. Der Frankfurt Marathon war 25 Jahre lang ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens. Da hängen unzählige Erinnerungen, Begegnungen, Erfolge und auch schwierige Momente dran.
Werden wir am Sonntag denn das ein oder andere Tränchen bei Ihnen sehen?
Schindler: Ich möchte diesen Sonntag nicht als Abschied inszenieren. Ich möchte noch einmal mit meinem Team einen großartigen Marathon auf die Beine stellen. Wenn am Ende die Läuferinnen und Läufer glücklich sind, die Stimmung in der Stadt und in der Festhalle großartig war und wir gemeinsam eine erfolgreiche Veranstaltung erlebt haben, dann ist das für mich der schönste Abschluss. Wie es mir dann tatsächlich geht, werde ich wahrscheinlich erst am Sonntagabend wissen. Aber ja, es wird sicherlich Tränen geben, das gehört dazu.
Was macht den Frankfurt Marathon für Sie zu einem Frankfurter Ereignis – und nicht einfach zu einem großen Laufevent, das zufällig in Frankfurt stattfindet?
Schindler: Der Frankfurt Marathon wäre nicht das, was er heute ist, wenn wir ihn einfach nur durch die Straßen führen und am Ende die Zeit stoppen würden. Was ihn zu einem Frankfurter Ereignis macht, ist die Stadt selbst: die Skyline, die Mischung aus internationaler Metropole und überschaubaren Stadtteilen, die Menschen an der Strecke, die Vereine, die Schulen und die vielen Helferinnen und Helfer. Und natürlich die Festhalle als Ziel – mitten in dieser Stadt, die für vieles steht, für große Emotionen und außergewöhnliche Ereignisse. Wir haben in diesen 25 Jahren einen Frankfurter Marathon entwickelt, der aus der Mitte der Stadt kommt. Frankfurt hat die besondere Fähigkeit, sehr international und gleichzeitig sehr nahbar zu sein. Das passt hervorragend zu einem Marathon. Menschen aus über 100 Nationen kommen hierher, und für ein paar Stunden haben alle dasselbe Ziel. Herkunft, Beruf oder Kontostand spielen auf den letzten Kilometern ohnehin keine Rolle mehr. Der Marathon zeigt Frankfurt jedes Jahr, wie viel Gemeinschaft in dieser Stadt steckt.
Was war für Sie in all den Jahren der schönste Moment?
Schindler: Sportlich war der Streckenrekord von Wilson Kipsang im Jahr 2011 ein ganz besonderer Moment. Er lief 2:03:42 Stunden und verpasste den damaligen Weltrekord um gerade einmal vier Sekunden. Da wurde deutlich, dass Frankfurt auf der internationalen Marathonbühne fast ganz oben angekommen war. 2015 lief Arne Gabius dann den deutschen Rekord. Das sind emotionale Zieleinläufe, Augenblicke, in denen man spürt, dass eine Veranstaltung gerade über sich hinauswächst. [Bild: Jo Schindler, Copyright: Mainova Frankfurt Marathon]
Gibt es weitere Erinnerungen?
Schindler: Ich habe über 25 Jahre erlebt, wie Menschen ihre ganz persönlichen Ziele erreicht haben. Viele haben im Ziel vor Glück geschrien, andere geweint. Die vielen persönlichen Geschichten sind das, was diesen Marathon für mich menschlich so besonders macht. Als Veranstalter schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass andere Menschen ihren großen Moment erleben können. Wenn am Ende eines langen Tages die Veranstaltung funktioniert hat, die Läuferinnen und Läufer glücklich sind, die Stimmung in der Festhalle großartig ist und das Team hinter den Kulissen etwas Außergewöhnliches geschafft hat, weiß man: Dafür hat sich die ganze Arbeit gelohnt.
Sie haben den Zieleinlauf in der Festhalle erfunden. Bekommen Sie eigentlich noch Gänsehaut, wenn die ersten Läuferinnen und Läufer dort einlaufen?
Schindler: Ja, tatsächlich und zwar nicht nur bei den Ersten. Bei den Spitzenläufern ist es natürlich faszinierend, diese Geschwindigkeit und diese Leichtigkeit nach 42,195 Kilometern zu sehen. Aber die Festhalle hat etwas Besonderes: Dort kommen Menschen mit völlig unterschiedlichen Geschichten ins Ziel, und für jeden kann dieser Moment ein ganz großer sein. Genau das war die Idee hinter dem Zieleinlauf in der Festhalle: Wir wollten nicht einfach ein Ziel aufbauen, sondern einen Ort schaffen, an dem jeder Zieleinlauf etwas Besonderes ist. Jeder kennt die Bedeutung des roten Teppichs, hier werden die Stars und Sternchen empfangen, die wichtigsten Menschen der Welt geehrt. Wir ehren damit unsere Läuferinnen und Läufer, jede und jeder Einzelne. Das ist großes Kino und gibt es so nur in Frankfurt.
Sie haben Tausende Menschen ins Ziel laufen sehen. Gibt es eine Geschichte eines ganz normalen Läufers oder einer Läuferin, die Sie nie vergessen haben?
Schindler: Es gibt unglaublich viele Geschichten, dass ich gar nicht eine einzige herausgreifen kann. Aber manche Begegnungen gehen einem besonders nahe. So erinnere mich an eine Läuferin aus Frankreich, die an Krebs erkrankt war und wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde. Sie hatte noch einen großen Wunsch: einmal den Frankfurt Marathon zu laufen. Und sie hat es geschafft. Solche Geschichten berühren mich zutiefst. Ich habe in diesen 25 Jahren auch gelernt, dass man sportliche Leistung nicht allein an der Zeit messen kann. Für den einen sind 42,195 Kilometer ein Kampf um Sekunden. Für einen anderen sind sie der Beweis, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten noch etwas bereithält.
Was haben Sie in 25 Jahren Marathon über Frankfurt gelernt?
Schindler: Ich habe gelernt, dass Frankfurt viel mehr ist als Skyline, Banken und Internationalität. Beim Marathon sieht man, wie viele Menschen bereit sind, sich für eine gemeinsame Sache einzusetzen. Sie engagieren sich in Vereinen, helfen bei der Organisation, stehen stundenlang an der Strecke oder feuern wildfremde Läufer an. Sie tun das nicht, weil sie dafür etwas bekommen, sondern weil sie Teil eines gemeinsamen Erlebnisses sein wollen. Das hat mich immer beeindruckt. Eine Stadt besteht nicht nur aus ihren Gebäuden und ihrer Infrastruktur, sondern vor allem aus den Beziehungen zwischen den Menschen. Der Marathon kann diese Beziehungen nicht dauerhaft herstellen, aber er kann sie für einen Tag sichtbar machen. Er zeigt, was Frankfurt besonders lebenswert macht.
25 Jahre lang hat der Frankfurt Marathon einen großen Teil Ihres Lebens bestimmt. Was musste in dieser Zeit manchmal hinter dem Marathon zurückstehen?
Schindler: Der Frankfurt Marathon war nie einfach ein Job, den man am Freitagabend abschließt und am Montagmorgen wieder beginnt. Gerade in den Wochen vor der Veranstaltung beschäftigt man sich auch dann damit, wenn andere längst Feierabend haben. Am deutlichsten zeigt sich das bei meiner Familie. Meine Frau, unsere Tochter und ich leben wegen des Frankfurt Marathons seit 25 Jahren in einer Wochenendbeziehung. Das muss man erst einmal so lange hinbekommen. Es gab viele Momente, in denen ich gedanklich mehr beim Marathon als bei anderen Dingen war. Gleichzeitig habe ich diese Arbeit immer mit großer Leidenschaft gemacht, und sie hat mir sehr viel gegeben. Jetzt freue ich mich sehr darauf, künftig wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen zu können.
Wenn Sie den Frankfurt Marathon nach all den Jahren in drei Worten beschreiben müssten: Welche wären das?
Schindler: Leidenschaft, Gemeinschaft. Gänsehaut. Leidenschaft, weil man eine Veranstaltung wie diese nicht 25 Jahre lang gestalten kann, wenn man nicht wirklich für sie brennt. Gemeinschaft, weil Spitzenläufer, Freizeitläufer, Helfer, Zuschauer, Partner und Stadtgesellschaft an diesem Tag zusammenkommen. Und Gänsehaut, weil der Marathon am Ende nicht nur ein organisatorisches Projekt, sondern ein emotionales Erlebnis ist.
Wenn Sie am Sonntag noch einmal in die Festhalle schauen, die Musik hören und die Menschen ins Ziel kommen sehen – was, glauben Sie, wird Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gehen?
Schindler: Ich werde wahrscheinlich zunächst auf die Abläufe schauen. Funktioniert alles? Sind die Läuferinnen und Läufer gut versorgt? Läuft die Veranstaltung so, wie wir sie geplant haben? Das ist nach 25 Jahren tief in mir verankert. Aber irgendwann wird hoffentlich ein Moment kommen, in dem ich einfach nur dastehe und schaue: auf die Menschen, die ins Ziel kommen, auf ihre Freude und Erleichterung und auf mein Team, das diesen Tag möglich gemacht hat. Vielleicht denke ich dann: Das war es also. 25 Jahre. Ich werde vor allem dankbar sein für all die Menschen, die diesen Weg mit mir gegangen sind und für das, was wir geschaffen haben. Mehr muss dieser Moment eigentlich gar nicht leisten.
Und wenn am Sonntag der letzte Läufer im Ziel ist und für Sie wirklich Schluss ist: Was möchten Sie dann als Erstes tun?
Schindler: Ich werde wie jedes Jahr erst einmal mit meinem Team zusammensitzen und auf das schauen, was wir gemeinsam geschafft haben. Allerdings kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich wahrscheinlich schon wieder darüber nachdenken werde, was man beim nächsten Mal besser machen könnte. 25 Jahre Renndirektor hinterlassen Spuren. Ich werde mich also bemühen, nicht sofort eine neue Aufgabenliste zu schreiben. Ich muss nur aufpassen, dass ich am Montag nicht anfange, den Marathon 2027 zu organisieren.
Was haben Sie denn für Pläne für die Zukunft? Wie sollen Sie die freie Zeit nun nutzen?
Schindler: An erster Stelle steht für mich, wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen zu können. Nach 25 Jahren Wochenendbeziehung gibt es einiges nachzuholen und ich glaube, sie hat auch ein paar Ideen, wie wir diese zusätzliche Zeit nutzen können. Ich möchte außerdem wieder mehr Sport machen, mehr reisen, in Ruhe kochen und mich um den Garten kümmern. Außerdem hat mich ein guter Freund, der sich für einen Frauenhandballverein in der Zweiten Bundesliga engagiert, gebeten, ihn zu unterstützen. Das finde ich spannend. Und vielleicht ist es nach 25 Jahren auch einfach schön, nicht jeden Tag schon zu wissen, was als Nächstes kommt. Ich habe lange genug vorausgeplant. Jetzt darf auch einmal mehr Platz für spontane Entscheidungen sein. Das könnte eine ganz angenehme Erfahrung werden. Eines ist sicher: Mir wird nicht langweilig.
Foto Jo Schindler, Copyright: Mainova Frankfurt Marathon
ffm. Ein Vierteljahrhundert hat Jo Schindler den Frankfurt Marathon geprägt. Doch am Sonntag, 25. Oktober, verantwortet der 67-Jährige letztmals als Renndirektor die Laufveranstaltung. Im Interview spricht er über Gänsehautmomente in der Festhalle, bewegende Geschichten von der Strecke und darüber, warum ihm für große Abschiedsgedanken gerade noch die Zeit fehlt.
Herr Schindler, Sie haben seit 2002 als Renndirektor den Frankfurt Marathon organisiert. Das heißt: Sie haben schon viele Marathon-Sonntage erlebt. Wie geht es Ihnen, wenn Sie an Ihren letzten Marathon als Renndirektor am kommenden Sonntag denken?
Jo Schindler: Mir geht es prima. Im Moment bin ich noch ganz Renndirektor. Wir haben einen Teilnehmerrekord mit fast 20.000 Marathonläuferinnen und Marathonläufern und viele weitere ausverkaufte Wettbewerbe. Da gibt es viele Dinge zu tun und wenig Zeit für große Abschiedsgedanken. Aber natürlich ist es etwas Besonderes. Der Frankfurt Marathon war 25 Jahre lang ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens. Da hängen unzählige Erinnerungen, Begegnungen, Erfolge und auch schwierige Momente dran.
Werden wir am Sonntag denn das ein oder andere Tränchen bei Ihnen sehen?
Schindler: Ich möchte diesen Sonntag nicht als Abschied inszenieren. Ich möchte noch einmal mit meinem Team einen großartigen Marathon auf die Beine stellen. Wenn am Ende die Läuferinnen und Läufer glücklich sind, die Stimmung in der Stadt und in der Festhalle großartig war und wir gemeinsam eine erfolgreiche Veranstaltung erlebt haben, dann ist das für mich der schönste Abschluss. Wie es mir dann tatsächlich geht, werde ich wahrscheinlich erst am Sonntagabend wissen. Aber ja, es wird sicherlich Tränen geben, das gehört dazu.
Was macht den Frankfurt Marathon für Sie zu einem Frankfurter Ereignis – und nicht einfach zu einem großen Laufevent, das zufällig in Frankfurt stattfindet?
Schindler: Der Frankfurt Marathon wäre nicht das, was er heute ist, wenn wir ihn einfach nur durch die Straßen führen und am Ende die Zeit stoppen würden. Was ihn zu einem Frankfurter Ereignis macht, ist die Stadt selbst: die Skyline, die Mischung aus internationaler Metropole und überschaubaren Stadtteilen, die Menschen an der Strecke, die Vereine, die Schulen und die vielen Helferinnen und Helfer. Und natürlich die Festhalle als Ziel – mitten in dieser Stadt, die für vieles steht, für große Emotionen und außergewöhnliche Ereignisse. Wir haben in diesen 25 Jahren einen Frankfurter Marathon entwickelt, der aus der Mitte der Stadt kommt. Frankfurt hat die besondere Fähigkeit, sehr international und gleichzeitig sehr nahbar zu sein. Das passt hervorragend zu einem Marathon. Menschen aus über 100 Nationen kommen hierher, und für ein paar Stunden haben alle dasselbe Ziel. Herkunft, Beruf oder Kontostand spielen auf den letzten Kilometern ohnehin keine Rolle mehr. Der Marathon zeigt Frankfurt jedes Jahr, wie viel Gemeinschaft in dieser Stadt steckt.
Was war für Sie in all den Jahren der schönste Moment?
Schindler: Sportlich war der Streckenrekord von Wilson Kipsang im Jahr 2011 ein ganz besonderer Moment. Er lief 2:03:42 Stunden und verpasste den damaligen Weltrekord um gerade einmal vier Sekunden. Da wurde deutlich, dass Frankfurt auf der internationalen Marathonbühne fast ganz oben angekommen war. 2015 lief Arne Gabius dann den deutschen Rekord. Das sind emotionale Zieleinläufe, Augenblicke, in denen man spürt, dass eine Veranstaltung gerade über sich hinauswächst. [Bild: Jo Schindler, Copyright: Mainova Frankfurt Marathon
Schindler: Ich habe über 25 Jahre erlebt, wie Menschen ihre ganz persönlichen Ziele erreicht haben. Viele haben im Ziel vor Glück geschrien, andere geweint. Die vielen persönlichen Geschichten sind das, was diesen Marathon für mich menschlich so besonders macht. Als Veranstalter schaffen wir die Voraussetzungen dafür, dass andere Menschen ihren großen Moment erleben können. Wenn am Ende eines langen Tages die Veranstaltung funktioniert hat, die Läuferinnen und Läufer glücklich sind, die Stimmung in der Festhalle großartig ist und das Team hinter den Kulissen etwas Außergewöhnliches geschafft hat, weiß man: Dafür hat sich die ganze Arbeit gelohnt.
Sie haben den Zieleinlauf in der Festhalle erfunden. Bekommen Sie eigentlich noch Gänsehaut, wenn die ersten Läuferinnen und Läufer dort einlaufen?
Schindler: Ja, tatsächlich und zwar nicht nur bei den Ersten. Bei den Spitzenläufern ist es natürlich faszinierend, diese Geschwindigkeit und diese Leichtigkeit nach 42,195 Kilometern zu sehen. Aber die Festhalle hat etwas Besonderes: Dort kommen Menschen mit völlig unterschiedlichen Geschichten ins Ziel, und für jeden kann dieser Moment ein ganz großer sein. Genau das war die Idee hinter dem Zieleinlauf in der Festhalle: Wir wollten nicht einfach ein Ziel aufbauen, sondern einen Ort schaffen, an dem jeder Zieleinlauf etwas Besonderes ist. Jeder kennt die Bedeutung des roten Teppichs, hier werden die Stars und Sternchen empfangen, die wichtigsten Menschen der Welt geehrt. Wir ehren damit unsere Läuferinnen und Läufer, jede und jeder Einzelne. Das ist großes Kino und gibt es so nur in Frankfurt.
Sie haben Tausende Menschen ins Ziel laufen sehen. Gibt es eine Geschichte eines ganz normalen Läufers oder einer Läuferin, die Sie nie vergessen haben?
Schindler: Es gibt unglaublich viele Geschichten, dass ich gar nicht eine einzige herausgreifen kann. Aber manche Begegnungen gehen einem besonders nahe. So erinnere mich an eine Läuferin aus Frankreich, die an Krebs erkrankt war und wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde. Sie hatte noch einen großen Wunsch: einmal den Frankfurt Marathon zu laufen. Und sie hat es geschafft. Solche Geschichten berühren mich zutiefst. Ich habe in diesen 25 Jahren auch gelernt, dass man sportliche Leistung nicht allein an der Zeit messen kann. Für den einen sind 42,195 Kilometer ein Kampf um Sekunden. Für einen anderen sind sie der Beweis, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten noch etwas bereithält.
Was haben Sie in 25 Jahren Marathon über Frankfurt gelernt?
Schindler: Ich habe gelernt, dass Frankfurt viel mehr ist als Skyline, Banken und Internationalität. Beim Marathon sieht man, wie viele Menschen bereit sind, sich für eine gemeinsame Sache einzusetzen. Sie engagieren sich in Vereinen, helfen bei der Organisation, stehen stundenlang an der Strecke oder feuern wildfremde Läufer an. Sie tun das nicht, weil sie dafür etwas bekommen, sondern weil sie Teil eines gemeinsamen Erlebnisses sein wollen. Das hat mich immer beeindruckt. Eine Stadt besteht nicht nur aus ihren Gebäuden und ihrer Infrastruktur, sondern vor allem aus den Beziehungen zwischen den Menschen. Der Marathon kann diese Beziehungen nicht dauerhaft herstellen, aber er kann sie für einen Tag sichtbar machen. Er zeigt, was Frankfurt besonders lebenswert macht.
25 Jahre lang hat der Frankfurt Marathon einen großen Teil Ihres Lebens bestimmt. Was musste in dieser Zeit manchmal hinter dem Marathon zurückstehen?
Schindler: Der Frankfurt Marathon war nie einfach ein Job, den man am Freitagabend abschließt und am Montagmorgen wieder beginnt. Gerade in den Wochen vor der Veranstaltung beschäftigt man sich auch dann damit, wenn andere längst Feierabend haben. Am deutlichsten zeigt sich das bei meiner Familie. Meine Frau, unsere Tochter und ich leben wegen des Frankfurt Marathons seit 25 Jahren in einer Wochenendbeziehung. Das muss man erst einmal so lange hinbekommen. Es gab viele Momente, in denen ich gedanklich mehr beim Marathon als bei anderen Dingen war. Gleichzeitig habe ich diese Arbeit immer mit großer Leidenschaft gemacht, und sie hat mir sehr viel gegeben. Jetzt freue ich mich sehr darauf, künftig wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen zu können.
Wenn Sie den Frankfurt Marathon nach all den Jahren in drei Worten beschreiben müssten: Welche wären das?
Schindler: Leidenschaft, Gemeinschaft. Gänsehaut. Leidenschaft, weil man eine Veranstaltung wie diese nicht 25 Jahre lang gestalten kann, wenn man nicht wirklich für sie brennt. Gemeinschaft, weil Spitzenläufer, Freizeitläufer, Helfer, Zuschauer, Partner und Stadtgesellschaft an diesem Tag zusammenkommen. Und Gänsehaut, weil der Marathon am Ende nicht nur ein organisatorisches Projekt, sondern ein emotionales Erlebnis ist.
Wenn Sie am Sonntag noch einmal in die Festhalle schauen, die Musik hören und die Menschen ins Ziel kommen sehen – was, glauben Sie, wird Ihnen in diesem Moment durch den Kopf gehen?
Schindler: Ich werde wahrscheinlich zunächst auf die Abläufe schauen. Funktioniert alles? Sind die Läuferinnen und Läufer gut versorgt? Läuft die Veranstaltung so, wie wir sie geplant haben? Das ist nach 25 Jahren tief in mir verankert. Aber irgendwann wird hoffentlich ein Moment kommen, in dem ich einfach nur dastehe und schaue: auf die Menschen, die ins Ziel kommen, auf ihre Freude und Erleichterung und auf mein Team, das diesen Tag möglich gemacht hat. Vielleicht denke ich dann: Das war es also. 25 Jahre. Ich werde vor allem dankbar sein für all die Menschen, die diesen Weg mit mir gegangen sind und für das, was wir geschaffen haben. Mehr muss dieser Moment eigentlich gar nicht leisten.
Und wenn am Sonntag der letzte Läufer im Ziel ist und für Sie wirklich Schluss ist: Was möchten Sie dann als Erstes tun?
Schindler: Ich werde wie jedes Jahr erst einmal mit meinem Team zusammensitzen und auf das schauen, was wir gemeinsam geschafft haben. Allerdings kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich wahrscheinlich schon wieder darüber nachdenken werde, was man beim nächsten Mal besser machen könnte. 25 Jahre Renndirektor hinterlassen Spuren. Ich werde mich also bemühen, nicht sofort eine neue Aufgabenliste zu schreiben. Ich muss nur aufpassen, dass ich am Montag nicht anfange, den Marathon 2027 zu organisieren.
Was haben Sie denn für Pläne für die Zukunft? Wie sollen Sie die freie Zeit nun nutzen?
Schindler: An erster Stelle steht für mich, wieder mehr Zeit mit meiner Frau verbringen zu können. Nach 25 Jahren Wochenendbeziehung gibt es einiges nachzuholen und ich glaube, sie hat auch ein paar Ideen, wie wir diese zusätzliche Zeit nutzen können. Ich möchte außerdem wieder mehr Sport machen, mehr reisen, in Ruhe kochen und mich um den Garten kümmern. Außerdem hat mich ein guter Freund, der sich für einen Frauenhandballverein in der Zweiten Bundesliga engagiert, gebeten, ihn zu unterstützen. Das finde ich spannend. Und vielleicht ist es nach 25 Jahren auch einfach schön, nicht jeden Tag schon zu wissen, was als Nächstes kommt. Ich habe lange genug vorausgeplant. Jetzt darf auch einmal mehr Platz für spontane Entscheidungen sein. Das könnte eine ganz angenehme Erfahrung werden. Eines ist sicher: Mir wird nicht langweilig.
Foto Jo Schindler, Copyright: Mainova Frankfurt Marathon