Guter Ganztag für Frankfurt

Veröffentlicht: Neuigkeiten Ort: Frankfurt

ffm. Uta Clifton leitet seit August 2025 als Nachfolgerin von Ute Sauer das Stadtschulamt. Zuvor leitete sie in Büdingen das Amt für Kultur, Familie und Bildung. Im Interview erzählt sie, welche Aufgaben ihr besonders wichtig sind, welche Bedeutung der Ganztag für Frankfurt hat und wie man die Betreuung in Frankfurt weiter stärken kann.

Frau Clifton, war es eigentlich eine große Umstellung, von einer 22.000-Einwohnerinnen-und Einwohner-Kommune plötzlich zu einer 750.000-Einwohnerinnen- und Einwohner-Großstadt zu wechseln?

Uta Clifton: Gerade im Schulischen ist es ein großer Unterschied: Büdingen hat drei Grundschulen und eine Berufsschule, Frankfurt hat insgesamt über 182 Schulstandorte – das ist ein Riesengebilde. In Büdingen gab es dafür andere Herausforderungen, unter anderem die Festigung des demokratischen Verständnisses bei Kindern und Jugendlichen in einer politisch herausfordernden Lage, die Neukonzeption des Kita-Bereiches und die Steigerung des städtischen Images bei Veranstaltungen.

Jetzt schaue ich mir Stück für Stück alle Schulen in Frankfurt persönlich an. Was sich gleicht, ist, dass es sich immer lohnt, miteinander ins Gespräch zu gehen – in die Stadtteile und zu den Leuten. So erfährt man viel über die tatsächlichen Bedarfe.

Und die wären?

Clifton: Die Bedarfe sind von Schule zu Schule sehr unterschiedlich. Mal geht es um zusätzliche Klassenräume, mal um die Umsetzung von Inklusion und Ganztagsbetreuung, um die technische Ausstattung, sichere Wege zur Schule oder zum Sport oder um die Mittagsverpflegung. Entscheidend ist am Ende immer, was die einzelnen Schulen brauchen, damit guter Unterricht möglich ist.

Was gefällt Ihnen besonders gut an der Arbeit in Frankfurt?

Clifton: Besonders schön ist, dass ich ein so tolles Führungsteam habe, das mir vertraut. Die haben Lust auf Veränderung und übernehmen gerne Verantwortung. Gut ist es auch, dass wir es geschafft haben, über schwierige Fälle zu sprechen und einen offenen Umgang miteinander zu haben.

Worum kümmert sich das Stadtschulamt in Frankfurt?

Clifton: Unsere vorrangige Aufgabe ist es, für alle Kinder in Frankfurt am Main Angebote zur Betreuung, Bildung und Erziehung bereitzustellen. Das ist die Planung, Verwaltung und sachliche sowie räumliche Ausstattung von über 180 öffentlichen Schulen in Frankfurt. Dazu gehört auch die Bereitstellung der technischen IT-Infrastruktur. Von den Jüngsten in der Kindertagespflege und Kindertageseinrichtungen bis zu den Jugendlichen in den beruflichen Schulen – das Stadtschulamt trägt entscheidend zur „Familienstadt Frankfurt“ bei und hat vielfältige Aufgaben zu bearbeiten. Wir haben nicht nur die gesetzliche Aufgabe, die Trägerschaften zu betreuen. Wir machen im Auftrag des Landes die Schulentwicklungspläne. Im Jugendschutz betreuen wir den Kinderschutz in Schule und Kindergärten – sowie auch Rechtsfälle, Anmeldungen, Betriebserlaubnisse. Die Schülerbeförderung liegt ebenfalls in unserer Verantwortung. Auch die IT-Ausstattung gehört mit über 100.000 Endgeräten an den Schulen dazu. Und natürlich der Ganztag. Insgesamt haben wir sechs Abteilungen und zwei Stabsstellen. Dafür haben wir ein Budget von knapp 1,5 Milliarden und beschäftigen 720 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon über ein Drittel vor Ort in den Schulen als Schulverwaltungskräfte.

Und was ist Ihre Aufgabe als Amtsleitung?

Clifton: Den Überblick zu behalten – rechtlich, technisch und haushälterisch, aber auch vom pädagogischen Verständnis her. Und die Koordination mit anderen Ämtern ist natürlich auch meine Aufgabe. Ich bin froh, dass die Zusammenarbeit mit dem Amt für Bau und Immobilien so gut ist, denn Schulbau und -sanierung sind große Themen für uns.

Welchen Eindruck hat das Stadtschulamt auf Sie gemacht, als Sie hier angekommen sind?

Clifton: Dass die Stadt Frankfurt eine tolle Willkommenskultur hat, die nicht nur aufgesetzt ist. Toll finde ich auch unsere hohe Fachlichkeit und den Grundgedanken: Es geht um die Kids. Und dadurch, dass wir hier alle nötigen Stellen direkt im Amt haben, können wir unsere Arbeit effizient machen – auch, wenn die Entscheidungen nicht immer schön sind. Wenn beispielsweise Mittel gekürzt werden müssen.

Wie gestalten Sie die Arbeit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Stadtschulamt?

Clifton: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, wenn ich eigenverantwortlich arbeiten kann. Das will ich gerne weitergeben. Und ich will, dass die Beschäftigten zu mir als Amtsleitung kommen können. Dass man sich begegnet, miteinander ins Gespräch kommt und vorbeikommen kann, wenn was ist. Mit einer offenen Haltung kommen auch neue Ideen auf den Tisch, die sonst in der Schublade verschwinden würden. Nur so können wir unsere Arbeit und gute Schule machen. 

Gibt es konkrete Pläne, die Sie umsetzen wollen?

Clifton: Beim Schulbau wollen wir schneller werden. Aktuell brauchen wir etwa acht Jahre, um eine Schule zu bauen. Das ist fast identisch mit der Zeit, die ein Kind in seinem Leben in der Schule verbringt. Uns fehlen auch noch Schulen, vor allem im Förderbereich. Wir arbeiten daran, aber noch gibt es keine gute Lösung. Alte Bestandsgebäude sind in die Jahre gekommen und erzeugen auch Probleme, auf die wir reagieren müssen. Die Devise heißt: Störfaktoren erkennen und auflösen, daran arbeiten wir gemeinsam im Amt und darüber hinaus. Hier erlebe ich einen großen Willen zur Veränderung.

Sind Schulbau und Sanierung in der Frankfurter Bildungslandschaft die größte Baustelle?

Clifton: Die größte Baustelle sind die Ressourcen, mit denen wir haushalten müssen. Wenn wir nicht in Bildung investieren, ist das gefährlich. Das Ergebnis, das dabei rauskommt, kann man nicht mit Geld und auch nicht sozialen Leistungen auffangen. Das zweitgrößte Problem ist der Schulbau, wir wollen, dass Schulen in Zukunft schneller gebaut werden können.

Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit sind Leitmotive, die im Stadtschulamt als zentrale Ziele festgelegt sind. Welche Rolle spielt dabei der Ganztag, Sprachförderung, frühkindliche Bildung?

Clifton: Es ist wichtig, so früh wie möglich zu erkennen, wann Kinder Begleitung brauchen. Und zwar nicht nur, wenn Defizite da sind. Wir wollen Kinder auch in ihren Stärken fördern. Gleichzeitig haben wir viele Familien, welche die Sprache nicht verstehen. Da braucht es auch Begleitung. Wir wollen, dass diese Familien mehr über unser System erfahren und dann wissen, wo sie das kriegen, was sie wollen und brauchen, für die Kinder und Jugendlichen. Das geht nur, wenn wir vor Ort sind und unsere Informationen direkt unter die Leute bringen. Und wichtig ist auch, dass alle mitmachen. Wir brauchen ein ganzes „Dorf“ – in Frankfurt die ganze Stadt, um ein Kind zu erziehen.

Seit diesem Schuljahr gibt es einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab der 1. Klasse. Wie ist Frankfurt da aufgestellt? Clifton: Frankfurt hat schon seit fast zehn Jahren Kooperationen mit Schulen und Horten. Den Rechtsanspruch erfüllen wir deshalb aktuell zu 97 Prozent bei Schulen, die im Pakt für den Ganztag sind, für die ersten Klassen. Für die Erweiterung der Betreuung bis zur vierten Klasse haben wir noch Baustellen, insbesondere in Bezug auf Räumlichkeiten für das Mittagessen. Und wir setzen uns für eine gemeinschaftliche Verantwortungszeit zwischen Schule und Jugendhilfe ein. Dafür streiten wir uns auch mit dem Land, aus unserem Blick muss hier die Verbindung fließend werden für einen ganzen Tag Ganztag mit allen Bedürfnissen, die Kinder mitbringen. Nur so verändern wir die Bildungswelt nachhaltig.

Wo liegt der Konflikt?

Clifton: Da geht es um Zuständigkeiten, um Datenschutz, und darum, dass Schule gesetzlich den Hut auf hat. Wir wollen aber, dass das Wissen über die Kinder aus der Schule auch mit der Jugendhilfe verbunden wird, denn Kinder profitieren davon. Konkret: Wenn ein Kind, nennen wir es Sven, in die Schule geht, sollen in der Mittagspause Lehrkräfte und Kräfte in der Jugendhilfe miteinander über Svens Tag sprechen. Wenn Sven dann in den Ganztag kommt, weiß man dort schon, dass er in der Schule einen schlechten Tag hatte. Und man weiß auch, Sven ist total gut in Musik, das nehmen wir in der Nachmittagsbetreuung auf. Viele Schulen machen das schon ganz wunderbar, aber die Stadt Frankfurt und das Land haben unterschiedliche Haltungen. Das müssen wir für die Kinder zusammendenken.

Was heißt das für Svens Alltag?

Clifton: Das Land sagt, dass Sven bis 14.30 Uhr die Schule besucht und nur in der schulischen Verantwortung ist – alle anderen haben sich zu fügen. Und die Stadt sagt, morgens ist Sven in der Schule, aber zum Beispiel ab dem Mittagessen geht Sven auch in die Ganztagsbetreuung. Und es sind dann beide – Schule und Ganztag – für Sven verantwortlich. Wenn das nicht zusammengedacht wird, kommt Sven nicht richtig an oder muss oft nachfragen: „Kann ich da jetzt rübergehen?“ Wenn das so strikt getrennt ist, finden auch kaum Gespräche zwischen den Lehrkräften sowie Pädagoginnen und Pädagogen statt. Aber so geht das nicht. Sven soll gar nichts vom Übergang der Systeme merken, er soll es als Ganzes verstehen und leben können und sich überall gut aufgehoben fühlen. Das wollen wir für Frankfurt weiter schaffen.

Was würden Sie sich in einer idealen Welt für die Schulen in Frankfurt wünschen?

Clifton: Ich würde mir wünschen, dass wir immer die nötigen Mittel haben, um das umzusetzen, was wir uns für unsere Schulen vornehmen. Dass es außerdem einen gemeinsamen, langfristigen Fahrplan dafür gibt, wie sich Schule in Frankfurt entwickeln soll – getragen über politische Mehrheiten hinweg. Und dass wir es schaffen, Modell- und Pilotprojekte weiter zu erproben. Es gibt in unserer Stadt viele mutige Menschen, die tolle Ideen haben, wie man Kindern in ihrer Bildung das geben kann, was sie brauchen – und ich wünsche mir, dass wir das auch machen können, probeweise auch nicht nur 100 Prozent davon abhängig, was im Gesetzestext steht. Noch besser, wir verändern Gesetze und passen sie an die neuen Herausforderungen an. Und dass das im weiteren Schritt auch erfolgreich ist. Das wäre toll.

Zur Person: Uta Clifton wurde 1977 im Schwarzwald geboren und wuchs in Schöneck auf. Nach ihrer Ausbildung zur Erzieherin im Diakonissenhaus in Frankfurt half sie Ende der 1990er-Jahre beim Aufbau der Kita Zauberwürfel in der Paquetstraße in Ginnheim. Hier stellte sie fest, dass sie lieber strukturell an positiven Veränderungen für Kinder arbeiten will. Dafür studierte Clifton bis 2006 Erziehungswissenschaften an der FH Frankfurt und Goethe-Universität und arbeitete anschließend bei einer Werbeagentur, wo sie neue Fähigkeiten entdecken konnte: Organisationstalent und Kompetenz im Umgang mit großen Zahlen. Letztlich wendete sie sich jedoch wieder dem sozialen Bereich zu: In Büdingen leitete sie zwei Jahre lang das Projekt „Familienstadt mit Zukunft“, das aus Landesmitteln gefördert wurde. Anschließend war sie sieben Jahre als Leitung im Büdinger Amt für Kultur, Familie und Bildung tätig. Seit 2024 arbeitet Clifton für die Stadt Frankfurt, zunächst als Stellvertreterin für die Leitung des Stadtschulamts, seit 2025 selbst als Amtsleitung.

Interview: Julia Haronska

Fotos Uta Clifton ist seit 2025 Leiterin des Stadtschulamts, Copyright: Anna Meuer/Stadt Frankfurt am Main 

Uta Clifton, Leiterin des Stadtschulamts, Copyright: Anna Meuer/Stadt Frankfurt am Main