Ludwig-Börne-Preis 2026 an Historiker Prof. Sir Christopher Clark verliehen

Veröffentlicht: Neuigkeiten Ort: Frankfurt

ffm. Geschichte verständlich machen, ohne sie zu vereinfachen: Für diese besondere Fähigkeit ist der australische Historiker Prof. Sir Christopher Clark am Sonntag, 10. Mai, in der Paulskirche mit dem Ludwig-Börne-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Oberbürgermeister Mike Josef und Michael A. Gotthelf, Vorstandsvorsitzender der Ludwig-Börne-Stiftung, begrüßten die Gäste. Die Festansprache hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

„Geschichte ist komplex. Der Preisträger Prof. Sir Christopher Clark schafft es in seinen umfangreichen Werken ein Fenster zu öffnen in die Vergangenheit. Dabei wechselt er vom Weitwinkel zur Lupe, selbst kleine Ereignisse und Zeugnisse spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig werden die großen Linien nicht aus den Augen verloren: soziale Fragen, die öffentliche Meinung, die Rolle der Medien und Ordnungssysteme sowie Machtstrukturen“, sagte Oberbürgermeister Josef. Clark zeige, dank seiner detaillierten Kenntnis der Geschichte Gegenmittel für die Probleme unserer Zeit auf. So fordere er für die Auseinandersetzung mit den europäischen Revolutionen von 1848 ein gemeinsames europäisches Erinnern. Der Oberbürgermeister ergänzte, dass das geplante Haus der Demokratie in Zusammenarbeit mit Land und Bund genau diesem Sinne entstehe als Raum für gelebte Demokratie, Erinnern und Debatte. „Ich danke dem Bundespräsidenten für seine unermüdliche Unterstützung für das Haus der Demokratie.“

Bundespräsident Steinmeier sagte über den Preisträger, den er schon sehr lange kenne und „über alle Maßen“ schätze: „Er ist nicht nur einer der besten Kenner preußischer, deutscher und europäischer Geschichte. Er hat zudem die große Begabung, darüber so verständlich wie unterhaltsam, so pointiert wie ernsthaft schreiben zu können.“ Der Bundespräsident nahm die Preisverleihung außerdem zum Anlass, ein Plädoyer zur Zukunft der Paulskirche zu halten. Es sei an der Zeit, endlich einen weiteren Schritt für das künftige Haus der Demokratie voranzugehen. Es sollte jetzt eine gemeinsame Trägerstiftung von Bund, Land und Stadt Frankfurt geschaffen werden. „Wir sollten jetzt endlich verbindlich werden und einen Anfang machen“, sagte Steinmeier. „Für Frankfurt, für Hessen, für ganz Deutschland gilt: Die Paulskirche ist unser gemeinsames Erbe. Sie ist auch eine gemeinsame Verpflichtung, an der wir uns in Stadt, Land und Bund gemeinsam erinnern und dieser Verantwortung stellen sollten.“ Steinmeier wies zudem daraufhin, dass „wir die dunklen Seiten unserer Geschichte, die Verbrechen der Shoah, nicht verdrängen“ dürfen. Dass an sie erinnert werde, sei Mahnung für die Gegenwart. „Genauso wichtig aber ist es, immer wieder auch an das zu erinnern, was gelungen ist, was an Gutem versucht und erkämpft wurde, was als Vorbild für die Gegenwart wirksam sein kann“, betonte Steinmeier und an den Preisträger gerichtet sagte er: „Mit diesem Preis soll nicht nur Ihr wissenschaftliches Werk geehrt werden, sondern auch Ihr waches Bewusstsein für mögliche Lehren aus der Geschichte.“ Der 1960 in Sydney geborene Sir Christopher Clark ist Experte für preußische Geschichte und gehört zu den international profilierten Vertretern seines Fachs. Er lehrt als Professor für Neuere Europäische Geschichte an der University of Cambridge. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Clark durch vielbeachtete Veröffentlichungen bekannt, in denen er sich unter anderem mit den Ursachen des Ersten Weltkriegs sowie mit europäischen Umbruchsphasen auseinandersetzt. Durch die Moderation der ZDF-Doku-Reihen wie „Deutschland-Saga“ und „Europa-Saga“ wurde er einem breiten Publikum bekannt. Für seine Verdienste um die anglo-deutschen Beziehungen wurde der in Großbritannien lebende Clark im Jahr 2015 von der britischen Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagen.

Für Preisrichter Reinhard Müller ist Christopher Clark „ein mitreißender Erzähler von Geschichte, der uns unbefangen erklärt, wie wir wurden, was wir sind“. In seiner Laudation würdigte der leitende Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Herangehensweise des Geehrten. „Er nimmt die europäische Dimension in den Blick, erweitert die Perspektive und hebt Schätze, die lange verborgen waren“, sagte Müller und erinnerte an die wichtige Wiederentdeckung Preußens durch Clark. 

Clark selbst betonte in seiner Dankesrede, dass es für ihn eine große Ehre sei, den Ludwig-Börne-Preis zu erhalten. Sowohl der Namensgeber, der Schriftsteller und Journalist Ludwig Börne, wie auch die vormaligen Preisträgerinnen und Preisträger würden dieser Ehrung ein großes Gewicht verleihen. „Besonders freut mich, dass es bei dieser Auszeichnung hauptsächlich um Kommunikation geht, denn die Vermittlung von Wissen und Wissenschaft lag mir immer am Herzen“, sagte Clark.

Der mit 20.000 Euro dotierte und im Jahr 1993 erstmals vergebene Ludwig-Börne-Preis ehrt deutschsprachige Autoren, die im Bereich des Essays, der Kritik und der Reportage hervorragende Leistungen erbracht haben. Initiiert wurde er von Michael Gotthelf, dem Vorsitzenden der Ludwig-Börne-Stiftung. Über den Preisträger entscheidet ein vom Stiftungsvorstand benannter Preisrichter in alleiniger Verantwortung. Er hält auch die Laudatio. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderem Marcel-Reich-Ranicki, Joachim Gauck, Dan Diner und Robert Habeck.

Fotos Oberbürgermeister Mike Josef bei seiner Rede anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2026 in der vollbesetzten Paulskirche, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Verleihung des Ludwig-Börne-Preises in der Paulskirche: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Preisträger Christopher Clark, Michael A. Gotthelf, Vorsitzender des Vorstandes der Ludwig-Börne-Stiftung, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei seiner Rede in der Paulskirche anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Preisrichter und Laudator Reinhard Müller anlässlich der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises in der Paulskirche, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Verleihung des Ludwig-Börne-Preises (v.l.): Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Oberbürgermeister Mike Josef, Preisträger Christopher Clark, Michael A. Gotthelf, Vorsitzender des Vorstandes der Ludwig-Börne-Stiftung, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Michael A. Gotthelf übergibt Christopher Clark die Urkunde des Ludwig-Börne-Preises, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Preisträger Christopher Clark bei seiner Dankesrede zum Ludwig-Börne-Preis, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Haben den Preisträger 2026 geehrt (v.l.), Reinhard Müller, Oberbürgermeister Mike Josef, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Preisträger Christopher Clark und Michael A. Gotthelf, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes 

Podiumsrunde mit Michael A. Gotthelf, Christopher Clark und Reinhard Müller, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Chris Christes