Stadt Frankfurt würdigt Ernst Gerhardt zum 105. Geburtstag

Veröffentlicht: Neuigkeiten Ort: Frankfurt

Empfang für ehemaligen Kämmerer und Stadtältesten im Kaisersaal

ffm. Als Ernst Gerhardt 1921 in Bockenheim geboren wurde, war Frankfurt eine andere Stadt. Er erlebte Diktatur, Krieg sowie den Wiederaufbau und gestaltete den Aufbruch zur modernen Metropole selbst mit. Jetzt ist der ehemalige Frankfurter Stadtkämmerer 105 Jahre alt geworden. Anlässlich des Geburtstages hat die Stadt Frankfurt am Montag, 14. September, zu einem Empfang im Kaisersaal eingeladen.

Oberbürgermeister Mike Josef würdigte Ernst Gerhardt in seiner Laudatio als einen Menschen, der die Stadt über Jahrzehnte geprägt habe. „Wir sind heute nicht einfach zusammengekommen, um einen 105. Geburtstag nachzufeiern. Wir sind zusammengekommen, um einen Menschen zu würdigen, der sich um Frankfurt in außergewöhnlicher Weise verdient gemacht hat.“ Gerhardt gehöre zum politischen Gedächtnis Frankfurts und sei weit über seine aktive politische Zeit hinaus Ratgeber und aufmerksamer Beobachter der Stadt geblieben.

Auch Nils Kößler, Bürgermeister und Dezernent für Wirtschaft, Recht und Innovation, betonte Gerhardts politisches Wirken. Kößler sagte bei dem Empfang: „Wir sprechen über einen Politiker, dessen Kunst der Vermittlung über Parteigrenzen hinweg Achtung bis hin zu Bewunderung erfahren hat. Seine Lebensleistung ist eine Inspiration für alle, die nach ihm angetreten sind, um diese Stadt Frankfurt politisch zu gestalten.“

Ernst Gerhardt wurde am 10. September 1921 geboren. Seine Jugend fiel in die Zeit des Nationalsozialismus. Gerhardt engagierte sich in der katholischen Jugend und hielt auch nach deren Verbot durch die Nationalsozialisten Kontakt zu anderen Mitgliedern. Während des Zweiten Weltkriegs diente er bei der Marine, im August 1945 kehrte er nach Frankfurt zurück. Die Erfahrungen von Diktatur und Krieg und die katholische Soziallehre prägten sein späteres Verständnis von politischer und gesellschaftlicher Verantwortung.

Seinen beruflichen Weg hatte Gerhardt bereits 1936 mit einer kaufmännischen Ausbildung bei Braun begonnen. Nach dem Krieg kehrte er zu dem Frankfurter Unternehmen zurück und stieg dort bis zum Prokuristen und kaufmännischen Leiter des Kundendienstes auf. Parallel begann sein politisches Engagement. Anfang der 1950er-Jahre trat er in die CDU ein, 1956 wurde er erstmals in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung gewählt. Vier Jahre später wechselte er als hauptamtlicher Stadtrat in den Magistrat.

In den folgenden Jahrzehnten übernahm Gerhardt unterschiedliche Aufgaben in der Frankfurter Stadtregierung, unter anderem in den Bereichen Ordnung, Soziales und Gesundheit. 1978 wurde er Kämmerer der Stadt und blieb bis 1989 für die Frankfurter Finanzen verantwortlich. Insgesamt gehörte er 29 Jahre hauptamtlich dem Magistrat an. In diese Zeit fielen zahlreiche Entscheidungen, die das Erscheinungsbild und die kulturelle Entwicklung Frankfurts bis heute prägen. Als Kämmerer half Gerhardt dabei, die finanziellen Voraussetzungen für große Vorhaben zu schaffen. Dazu gehörten insbesondere die Entwicklung des Museumsufers, der Wiederaufbau der historischen Ostzeile am Römerberg, die Alte Oper und das Museum für Moderne Kunst.

Ein besonderes Anliegen war Gerhardt aber auch stets die Verständigung zwischen Deutschland und Israel. Aus seinen Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Krieg leitete er für sich die Verpflichtung ab, an Aussöhnung und Verständigung mitzuwirken. Von 1986 bis 2015 stand er fast drei Jahrzehnte an der Spitze der Freunde der Universität Tel Aviv in Deutschland. Die Beziehungen zwischen Frankfurt und Tel Aviv begleitete und förderte er über viele Jahre. Josef würdigte dieses Engagement als wichtigen Teil von Gerhardts Lebenswerk: „Sie haben Brücken gebaut – zwischen Frankfurt und Tel Aviv, zwischen Deutschland und Israel.“ Gerade heute werde deutlich, wie wertvoll solche Verbindungen seien. „Freundschaft ist niemals selbstverständlich. Aussöhnung ist niemals abgeschlossen. Und Erinnerung bleibt nur dann lebendig, wenn aus ihr Verantwortung für die Gegenwart erwächst.“

Auch nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Kommunalpolitik blieb Gerhardt ein gefragter Gesprächspartner und aufmerksamer Beobachter der Entwicklung seiner Heimatstadt. Darüber hinaus engagierte er sich über Jahrzehnte in sozialen, kirchlichen und gesellschaftlichen Organisationen. Mehr als 50 Jahre war er ehrenamtlich für den Internationalen Bund tätig. Auch innerhalb der CDU übernahm er zahlreiche Aufgaben und prägte insbesondere deren sozialpolitische Ausrichtung in Frankfurt.

Für sein politisches und gesellschaftliches Wirken wurde Gerhardt vielfach ausgezeichnet. Zu seinen Ehrungen zählen die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main, die Wilhelm-Leuschner-Medaille, das Große Verdienstkreuz mit Stern der Bundesrepublik Deutschland und der Hessische Verdienstorden. Er ist Ehrensenator der Goethe-Universität Frankfurt, Ehrenbürger von Tel Aviv und Ehrendoktor der Universität Tel Aviv. Papst Johannes Paul II. verlieh ihm zudem das Komturkreuz mit Stern des Gregoriusordens. 1990 ernannte ihn die Stadt Frankfurt zum Stadtältesten.

Stellvertretend für Ernst Gerhardt sprach seine Tochter Hiltrud Bappert die Dankesworte. Sie sagte: „Mein Vater ist dankbar für jeden Tag, der ihm geschenkt wird. Er sagt oft: ,Ich will noch nicht gehen, es ist doch so schön auf dieser Welt.‘“

Ernst Gerhardt selbst sagte: „105 Jahre alt zu werden ist ein Geschenk, wofür ich jeden Tag dem lieben Gott dankbar bin. Ich freue mich auf die kommende Zeit und bin zuversichtlich, dass die Stadt Frankfurt eine gute Zukunft hat.“

Zum Abschluss dankte Oberbürgermeister Josef dem Jubilar im Namen der Stadt Frankfurt für sein jahrzehntelanges Wirken: „Danke für 29 Jahre Verantwortung im Magistrat. Danke für Ihren Beitrag zur Entwicklung unserer Stadt. Danke für Ihren Anteil daran, dass Frankfurt heute eine große Kulturstadt ist. Danke für Ihren Dienst an unserer Demokratie. Und danke für Ihre Haltung.“

Fotos

Oberbürgermeister Mike Josef gratuliert Stadtkämmerer a.D. Ernst Gerhardt zum 105. Geburtstag, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel 

Oberbürgermeister Mike Josef gratuliert Stadtkämmerer a.D. Ernst Gerhardt zum 105. Geburtstag, Bürgermeister Nils Kößler und Hiltrud Bappert, die jüngste Tochter von Ernst Gerhardt, applaudieren, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel 

Geschenke von der Stadt Frankfurt am Main für den Jubilar Ernst Gerhardt, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel 

Viele Gratulanten im Kaisersaal (v.l.): Kulturdezernentin Ina Hartwig, Oberbürgermeister a.D. Andreas von Schoeler, Oberbürgermeisterin a.D. Petra Roth, Bürgermeister Nils Kößler, Tochter Hiltrud Bappert, Jubilar Ernst Gerhardt, Oberbürgermeister Mike Josef, Copyright: Stadt Frankfurt am Main, Foto: Holger Menzel