Vom Wahrzeichen der Moderne zum Ort kritischer Gegenwart

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Der Mousonturm war Frankfurts erstes Hochhaus – Jetzt feiert das Gebäude 100. Geburtstag

ffm. Der Mousonturm wird 100 Jahre alt. Das expressionistische Gebäude an der Waldschmidtstraße ist Frankfurts erstes Hochhaus und eines der prägendsten Bauwerke der Frankfurter Moderne. 1926 als Hauptsitz der Seifen- und Parfümfabrik J. G. Mouson vollendet, steht der Turm heute für eine besondere Geschichte der Transformation: Aus einem Wahrzeichen industrieller Moderne und wirtschaftlicher Weltläufigkeit ist Frankfurts international profiliertes Produktionshaus für die freien darstellenden Künste geworden.

Geschichte zwischen Aufbruch und Ambivalenz in Kolonial- und NS-Zeit

Unter Fritz Mouson als Bauherr und nach Entwürfen des Architekten Robert Wollmann war der Turm Ausdruck eines modernen Selbstverständnisses, in dem wirtschaftliche Innovation, Architektur, Gestaltung und Kommunikation eng miteinander verbunden waren. Künstler wie Otto Dix und Alfred Andersch prägten das visuelle Erscheinungsbild der Marke Mouson. Zugleich gehört zu dieser Geschichte ihre Ambivalenz: Der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens war in koloniale Handels- und Machtverhältnisse eingebunden, die auch exotisierende Menschenbilder hervorbrachten. Ebenso ist die Rolle der Firma während der NS-Diktatur bislang nur teilweise erforscht; dokumentiert ist unter anderem ihre Beteiligung an antisemitischen Boykottaufrufen gegen Produkte der Beiersdorf AG. Das historische Erbe des Ortes erfordert eine kontinuierliche kritische Auseinandersetzung und Kontextualisierung und prägt heute auch die künstlerische Arbeit.

Initiative von Hilmar Hoffmann für Künstler*innenhaus

Nach der Schließung der Fabrik war der Erhalt des Gebäudes keineswegs selbstverständlich. Auf Initiative des damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann wurde der Mousonturm 1988 zum Künstler*innenhaus umgewidmet – gegen erhebliche Widerstände und zu einem Zeitpunkt, als die kulturelle Umnutzung von Industriearchitektur noch alles andere als üblich war. Aus dem Industriedenkmal wurde unter dem ersten Intendanten Dieter Buroch ein Produktionshaus für zeitgenössische Kunst und damit ein frühes Beispiel dafür, wie kulturelles Erbe durch neue gesellschaftliche Funktionen lebendig gehalten werden kann.

Oberbürgermeister Mike Josef betont die Bedeutung des Mousonturms für die Entwicklung der Stadt: „Mit dem Mousonturm begann vor 100 Jahren die Hochhausgeschichte Frankfurts. Aus einem Wahrzeichen der industriellen Moderne ist ein international ausstrahlender Ort für zeitgenössische Kunst geworden, der zugleich fest im Ostend und in der Stadt verankert ist. Dass seine spannende Geschichte bis heute sichtbar und lebendig geblieben ist, macht den Mousonturm zu einem besonderen Ort für Frankfurt.“

Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, gratuliert dem Mousonturm und würdigt das Jubiläum: „Seit 100 Jahren prägt der Mousonturm das Frankfurter Stadtbild – seit fast vier Jahrzehnten ist er ein Ort, an dem neue künstlerische Formen erprobt, gesellschaftliche Fragen verhandelt und internationale Perspektiven zusammengebracht werden. Gerade die Bereitschaft, sich immer wieder auf Neues einzulassen und dabei auch Widersprüche auszuhalten, macht seine besondere Bedeutung aus. Der Mousonturm ist ein Ort, an dem Kunst etwas riskieren darf, ein Ort auf der Höhe der Zeit. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“

Ein Fest mit dem Ostend am 22. August

Sein 100-jähriges Jubiläum feiert der Mousonturm am Samstag, 22. August, von 13 bis 24 Uhr mit einem großen, kostenfreien Straßenfest rund um den Turm und in der Waldschmidtstraße. Gemeinsam mit seinen Nachbarinnen und Nachbarn vom GDA Wohnstift, dem Ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienst Frankfurt, dem Produktionshaus Naxos, dem Hessischen Literaturforum und dem Team des Filmfestivals Nippon Connection lädt der Mousonturm die gesamte Nachbarschaft und die Frankfurter Stadtgesellschaft zum gemeinsamen Feiern ein.

Zu den Höhepunkten gehört um 13.30 Uhr das Konzert von Suli Puschban und der Kapelle der guten Hoffnung. Die Berliner Musikerin verbindet rockige Kinderlieder über Freundschaft und Mut mit Witz und Ohrwurm-Melodien – ein Familienkonzert zum Mitsingen, Mittanzen und Mitdenken. Zuvor spricht Oberbürgermeister Josef ein Grußwort.

Um 18 Uhr folgen The OhOhOhs, die Clubmusik mit Konzertflügel und Percussion analog auf die Bühne bringen: kraftvolle Rhythmen, elektronische Energie und lyrische Momente verbinden sich zu einem Konzert zwischen Tanzfläche und Konzertsaal. Vor dem Konzert spricht Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg ihr Grußwort.

Über den gesamten Nachmittag hinweg bringen Künstlerinnen und Künstler die vielen Mitmachangebote und den öffentlichen Raum rund um den Mousonturm in Bewegung. Dazu gehören unter anderem Eisa Jocsons „Princess Parade“, die mit Frankfurter Tänzerinnen mehrfach durch das Viertel zieht. Hochseilakrobatik, Performances, Walking Acts und Führungen durch den Mousonturm eröffnen besondere Perspektiven auf das Gebäude und seine Geschichte.

Den Höhepunkt des Festes bildet ab Sonnenuntergang die feierliche Illumination des Mousonturms: In „Lights on Mousonturm“ treten der Videokünstler Jésus Baptista und die Komponisten Elischa Kaminer und Amadeo Savio in einen künstlerischen Dialog mit dem 34 Meter hohen Turm. Licht, Videokunst und Livemusik verwandeln das Wahrzeichen selbst in die Bühne einer eigens für das Jubiläum entwickelten Performance.

Für Anna Wagner und Marcus Droß, Intendanz und Geschäftsführung des Künstler*innenhauses Mousonturm, zeigt sich in diesem Fest auch die besondere Kontinuität des Hauses: „Der Mousonturm war immer ein Ort, an dem Zukunft entworfen wurde – zunächst durch Architektur, industrielle Innovation und Gestaltung, heute durch Kunst. Sein 100. Geburtstag ist deshalb für uns kein Blick zurück auf eine abgeschlossene Geschichte. Wir feiern ein Haus, dessen Bedeutung sich immer wieder verändert und das gerade dadurch lebendig bleibt: als Ort für Kunst, Begegnung und die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Gegenwart.“

So wird der Mousonturm an seinem 100. Geburtstag selbst zum Gegenstand und Akteur künstlerischer Praxis: Ein Gebäude, das Geschichte bewahrt, wird zum Ort, an dem sie weitergeschrieben wird.

Kontakt für die Medien

Michel Nölle, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Künstler*innenhaus Mousonturm, Telefon 069/405895-41 , E-Mail michel.noelle@mousonturm.de