„Wer im öffentlichen Raum Müll produziert, ist dafür verantwortlich“

Veröffentlicht: Neuigkeiten Ort: Frankfurt

Zum 25. Geburtstag der Stabsstelle Sauberes Frankfurt spricht Leiterin Gabriel über Eigenverantwortung, Gemeinschaftsgefühl und neue Herausforderungen

ffm. Sauberkeit im öffentlichen Raum ist seit 25 Jahren Thema und Mission der Stabsstelle Sauberes Frankfurt. Ihr bekanntestes Projekt ist „Cleanffm “. Vor zwölf Jahren übernahm Claudia Gabriel die Leitung der Stabsstelle. Die Diplom-Verwaltungswirtin arbeitet seit rund 40 Jahren bei der Stadt Frankfurt am Main und war in verschiedenen Ämtern, unter anderem bei der Bauaufsicht und dem Umweltamt, dort bei der Unteren Naturschutzbehörde, und als Projektmanagerin in der Stadtkämmerei tätig. Im Interview spricht sie über die zunehmende Vermüllung des öffentlichen Raums, deren Ursachen sowie die Maßnahmen und Herausforderungen der Stabsstelle Sauberes Frankfurt.

Frau Gabriel, 25 Jahre sind eine stolze Zeit – wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, welchen Wandel können Sie beobachten?

Claudia Gabriel: Als ich im Jahr 2014 die Leitung der Stabsstelle übernahm, war das sogenannte „Littering“, also die Vermüllung von öffentlichem Raum, bereits ein großes Thema. Leider musste ich beobachten, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren verschärft hat. Die To-Go-Kultur hat sich massiv ausgeweitet und Verpackungen wie Becher und Pizzakartonagen sind im Laufe der Jahre immer umfangreicher und zugleich kleinteiliger geworden. Grundsätzlich ist es positiv und ein Stück Lebensqualität, dass sich Bürger:innen den öffentlichen Raum für die Freizeitnutzung erschlossen haben. Die negativen Begleiterscheinungen sind extremer Alkoholkonsum und Vandalismus verbunden mit der Vermüllung beliebter Orte im Stadtgebiet. Zunächst machten regelmäßige Treffen am Friedberger Platz Probleme, mittlerweile gibt es das Szenario an unendlich vielen Plätzen. Der neueste Trend ist das „Day Drinking“ im städtischen Raum. Denn nicht nur die mobile Versorgung mit warmen Gerichten durch Lieferdienste hat zugenommen, es ist inzwischen auch möglich, sich die neuesten Drink-Kreationen in Wegwerf-Bechern direkt vor Ort servieren zu lassen. Die Beseitigung der Hinterlassenschaften solch spontaner Treffen, die über Social Media verabredet werden, ist für uns noch weniger planbar als die Situation zuvor.

Worin sehen Sie die Ursache für diese Entwicklung?

Gabriel: Mein Eindruck ist, dass besonders nach der Corona-Zeit der Wunsch nach spontanen Treffen und gemeinsamen Erlebnissen an der frischen Luft und in der Natur zugenommen hat, was ich sehr schön finde. Schade ist, dass der Egoismus vieler Menschen so groß ist, dass sie nicht daran denken, ihre Hinterlassenschaften selbst zu entsorgen und davon ausgehen, dass es jemand anderes für sie tut. Ich denke, jeder möchte die Plätze sauber vorfinden, um sich wohlzufühlen, doch durch das egoistische Handeln vermüllen die Orte in kürzester Zeit und so werden diese unattraktiv. Es scheint, als hätten viele in der Corona-Zeit bereits Erlerntes vergessen und ihre Eigenverantwortung verloren. Nur die eigene Versorgung funktioniert, sie schaffen es nicht, den Müll mitzunehmen, aber: Wer im öffentlichen Raum Müll produziert, ist dafür verantwortlich. Wir stehen vor einer großen Herausforderung: Gelingt es, in der Stadtgesellschaft ein Wir-Gefühl zu entwickeln? Die Vermüllung ist nur ein Anzeichen dafür, dass das eigene Wohlergehen und die Bequemlichkeit im Mittelpunkt stehen.

Welche Aufgaben hat dabei die Stabsstelle Sauberes Frankfurt?

Gabriel: Wir sind ämterübergreifend für alle Themen der Stadtsauberkeit im öffentlichen Raum zuständig. Das bedeutet in der Praxis, dass wir nicht weisungsbefugt sind, sondern Überzeugungsarbeit leisten und kooperativ auf alle Beteiligten zugehen. Wir erarbeiten Lösungen für Schnittstellenprobleme, können auf neue Phänomene schnell reagieren und bis zur Klärung des Regelbetriebes zeitweise unbürokratisch handeln. Beispielsweise können wir Sonderreinigungen beauftragen oder auch das Reinigungsintervall durch ergänzende Reinigungen erhöhen. Bei strukturellen Problemen, wie zum Beispiel zu wenig vorhandenen Abfallbehältern, können wir weitere installieren lassen oder die Leerungstermine verdichten. Ich möchte die Aktion „Stadtsauberkeit Plus “ erwähnen. Durch ergänzende Reinigungen in Zusammenarbeit mit dem Umweltamt und der FES wurden passgenaue Lösungen für mehr Sauberkeit erarbeitet: Wir haben individuelle Lösungen für stadtteilbezogene Herausforderungen, zum Beispiel im Frankfurter Westen, gefunden. Dort wird der zusätzliche Einsatz eines Pressfahrzeugs im Spätdienst gefahren, um wilde Ablagerungen zu bekämpfen. Weitere Maßnahmen werden für die Innenstadt und das Bahnhofsviertel umgesetzt. Wir sind nicht nur mit Ämtern und Gremien vernetzt, sondern auch in den verschiedensten Runden mit Privatinitiativen, Hilfseinrichtungen, Vereinen, Institutionen und karitativen Einrichtungen präsent, zum Beispiel im Bahnhofsviertel.

Wie sieht die Intervention im Detail aus?

Gabriel: Besonders beschäftigt uns die sogenannte „Schnittstellenproblematik“, das heißt, in einem bestimmten Bereich gibt es ein Zusammenspiel verschiedener Zuständigkeiten: Für die Gehwege beispielsweise ist das Amt für Straßenbau und Erschließung zuständig, für Grünflächen das Grünflächenamt, viele Flächen befinden sich auch in Privateigentum. Dazu kommen Areale der Bahn oder des Bundes. Der Auslöser für manche Vermüllung ist eine Gastronomie mit Außenverkauf oder ein anderes Gewerbe, das Anwohner, Passanten und Besucher anzieht. Wir müssen also bei Beschwerden zunächst im städtischen Geoinformationssystem die Eigentumsverhältnisse und die Grundstücksgrenzen klären. Dann verifizieren wir selbst vor Ort oder durch den Sperrmüllvorermittler der FES, ob es sich um eine Momentaufnahme oder einen Dauerzustand handelt. Daraufhin analysieren wir, wodurch das Problem ausgelöst wurde und eruieren Lösungsansätze, die zu einer tatsächlichen Entlastung und nicht nur zu einer Verschiebung führen. Wenn es konkrete Hinweise auf Verursacher gibt, übergeben wir den Vorgang der Stadtpolizei mit der Bitte um weitere Ermittlung und Ahndung.

Wie können Sie als Stabsstelle auf die Beteiligten einwirken?

Gabriel: Wenn To-Go-Verpackungen Grund für die Vermüllung sind, treten wir soweit möglich direkt in den Dialog mit den Gastronomen und Betreibern ein. Wird der öffentliche Raum als Sommergarten genutzt, muss der in diesem Bereich entstehende Müll selbst entsorgt werden und gehört in die eigene Mülltonne. Die Verbraucher sind dabei genauso in der Pflicht wie die Gewerbetreibenden. Wir leisten Überzeugungsarbeit und bitten darum, den Kunden eine Entsorgungsmöglichkeit anzubieten. Aufklären und Abholen mit Humor ist für uns auch die Devise, wenn es um unsere Kampagnen geht, beispielsweise bei den „Cleanffm“-Videclips mit Promipaten wie Max Coga, Peter Wirth und Mira Waterkotte. Unsere Sauberkeitsbotschafterinnen und -botschafter haben im vergangenen Jahr knapp 10.000 Gespräche geführt und positives Feedback erhalten. Unser größtes und bekanntestes Projekt ist seit 2019 „Cleanffm“. Das größte Event ist das „Frankfurt Cleanup“ im Frühjahr, hier hatten wir über 7000 Teilnehmer:innen. Wir haben das „Cleanffm-Express-Team“ initiiert: Es ergänzt die Regelreinigung an sogenannten „Hotspots“ vor allem in den Abendstunden und an den Wochenenden.

Was kann die Stabsstelle Sauberes Frankfurt zukünftig tun?

Gabriel: Das Ziel unserer Aktivitäten ist, gemeinsam die Verbesserung der Stadtsauberkeit zu erreichen. Wir alle müssen uns fragen, ob wir immer mehr Geld für die Entsorgung ausgeben oder nicht lieber Nachhaltigkeit praktizieren wollen. Es gibt schon viele Menschen, die das tun, aber sehr viele handeln noch nicht nachhaltig. Aufklärungsarbeit ist für uns ein wichtiger Baustein. Sei es gemeinsam mit dem Präventionsrat, mit dem Quartiersmanagement, mit Geschäftsleuten oder bei Kinderfesten der Polizei. Im Rahmen unseres 25-jährigen Jubiläums werden wir daher zur Motivation einen Sauberkeitspreis verleihen, um noch mehr Sichtbarkeit für Engagement zu erreichen. Wir müssen jederzeit auf neue Strömungen reagieren und Konzepte für Frankfurt auf der Basis unserer Evaluation entwickeln. Dazu stehen wir im Austausch mit anderen Großstädten und eruieren, an welchen Stellschrauben man drehen kann. Ich bin gespannt, wie sich die Gesellschaft weiterentwickelt und was auf uns zukommt und hoffe, mit der Arbeit unseres zehnköpfigen hochmotivierten Teams das Gemeinschafts- und Verantwortungsgefühl der Menschen in dieser Stadt fördern zu können.

Interview: Elvira Gruß-Neuhardt

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