Wildtiere in der Stadt
Nutria, Quelle: wildtierportal-bw.de
Füchse, Waschbären, Wildschweine, Gänse und Nutrias gehören inzwischen zum Alltag vieler Städte. Meist leben Mensch und Wildtier ohne größere Probleme nebeneinander. Konflikte entstehen dort, wo beide dieselben Flächen nutzen: Eine Wiese im Park ist für Menschen Spiel- und Erholungsraum, für Gänse aber zugleich ein attraktiver Futterplatz. Das Ziel des städtischen Wildtiermanagements ist deshalb nicht eine Stadt ohne Wildtiere. Öffentliche Anlagen sollen sicher und nutzbar bleiben, Schäden sollen begrenzt und die Tiere verantwortungsvoll behandelt werden.Städte bieten vielen Wildtieren gute Lebensbedingungen. Teiche und Bäche liefern Wasser, gemähte Rasenflächen Nahrung, Hecken und Ufer sichere Rückzugsorte. Hinzu kommen milde Winter, Lebensmittelreste und direkte Fütterungen. Tiere lernen schnell, wo sie leicht an Nahrung gelangen und wo ihnen wenig Gefahr droht. Sie verlieren dann häufig ihre natürliche Distanz zum Menschen und halten sich dauerhaft an stark besuchten Orten auf.Je mehr Tiere sich an einem solchen Ort sammeln, desto wahrscheinlicher treten Konflikte auf. Dazu zählen Kot auf Spiel- und Liegewiesen, Schäden an Ufern und Grünanlagen, aufgerissene Abfälle oder wehrhaftes Verhalten während der Brut- und Setzzeit. Eine einzelne Maßnahme reicht dann meist nicht aus. Wird nur gereinigt, bleibt die Ursache bestehen. Werden Tiere nur kurzfristig verscheucht, kehren sie häufig zurück oder weichen auf die nächste Grünanlage aus.Am Steinbrücker Teich zeigt sich dieses Spannungsfeld besonders deutlich, wo sich derzeit eine große Zahl von Nil- und Kanadagänsen aufhält, die an städtischen Gewässern nahezu ideale Bedingungen vorfinden. Besonders betroffen ist das Umfeld des Spielplatzes. Durch den wiederholten Koteintrag ist die Fläche stark belastet und für Kinder und Familien nur noch eingeschränkt nutzbar. Regelmäßige Reinigung lindert die Folgen kurzfristig, verringert aber nicht die Zahl der anwesenden Gänse.Beide Arten sind nicht ursprünglich in Deutschland heimisch. Die Nilgans zählt zu den bereits weit verbreiteten invasiven Arten, die Kanadagans wird als potenziell invasiv eingestuft. Auch die Nutria gehört zu den invasiven Arten, deren Baue Ufer und Wege beschädigen und durch deren Fraß Röhrichte beeinträchtigen. Für diese Arten ist ein dauerhaftes und gut abgestimmtes Management besonders wichtig.Statt lediglich auf wechselnde Einzelbeschwerden zu reagieren, steuert die Stadt das Vorgehen strategisch auf gesamtheitlicher Ebene: Grünflächendezernent Michael Kolmer erläutert: „Unser Ziel ist kein wildtierfreies Darmstadt, sondern ein verantwortungsvolles Miteinander. Mit langfristiger Planung, ämterübergreifender Zusammenarbeit und nachhaltigen Maßnahmen schützen wir sowohl die Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger als auch die Tiere.“Der städtische Wildtierbeauftragte ist studierter Wildtierökologe. Er kennt das Verhalten der Tiere, kann Bestandsentwicklungen beurteilen und einschätzen, wie sich Eingriffe auf Tiere und Umgebung auswirken. Diese Fachkenntnis ist wichtig, weil nicht jede Sichtung ein Problem darstellt und nicht jeder Konflikt mit Fang oder Tötung gelöst werden muss.Zu seinem Aufgabenfeld gehören Zählungen und Ortskontrollen, die Dokumentation von Wildtierbeständen, die Beratung von Bürgerinnen und Bürgern sowie die fachliche Unterstützung städtischer Stellen. Er plant und begleitet Maßnahmen zur Vorbeugung und Vergrämung, führt bei Bedarf Fang- und Jagdeinsätze sowie gezielte, tierschutzgerechte Entnahmen durch und kontrolliert deren Erfolg. Nach Verkehrsunfällen übernimmt oder veranlasst er die Nachsuche nach verletzten Wildtieren. Als ASP-Beauftragter des Veterinäramtes unterstützt er außerdem die Reduzierung des Wildschweinbestandes und die Vorsorge gegen die Afrikanische Schweinepest.Ein gesundes Wildtier, das sich ruhig durch einen Garten oder eine Grünanlage bewegt, ist kein Einsatzgrund. Der Wildtierbeauftragte wird tätig, wenn ein Tier schwer verletzt oder krank ist, wenn nach einem Verkehrsunfall eine Nachsuche erforderlich wird oder wenn eine konkrete Gefahr für Menschen besteht. Auch erhebliche Schäden, wiederkehrendes aggressives Verhalten oder eine starke Belastung öffentlicher Spielplätze, Sportanlagen, Freibäder und Parks können ein Eingreifen notwendig machen.Weitere Einsatzgründe sind auffällig hohe Bestände, die gezielt reguliert werden müssen, sowie Maßnahmen gegen invasive Arten oder im Rahmen der Tierseuchenvorsorge. Auf Privatgrundstücken liegt der Schwerpunkt dagegen in der Regel auf Beratung und Vorbeugung. Ein unmittelbarer Einsatz kommt insbesondere bei akuter Gefahr, einem schwer verletzten Tier oder einem behördlich angeordneten Management in Betracht.Am Anfang steht immer eine genaue Bestandsaufnahme, auf deren Basis Beobachtung, Vorbeugung, Flächengestaltung und Vergrämung ineinandergreifen. Wo Fütterungsverzicht, Flächengestaltung und Vergrämung allein jedoch nicht ausreichen, ist die Jagd ein sinnvolles, wirksames und gut steuerbares Werkzeug. Sie verringert die Zahl der Tiere unmittelbar und kann zugleich dazu beitragen, dass Wildtiere wieder mehr Abstand zu stark genutzten Bereichen halten. Damit unterstützt die Jagd die Wirkung anderer Maßnahmen. Gerade bei hohen Beständen und standorttreuen, an Menschen gewöhnten Tieren kann eine regelmäßige jagdliche Regulierung notwendig sein.Jagd im Stadtgebiet erfolgt gezielt und nach klaren Sicherheitsregeln. Notwendige Genehmigungen und Absperrungen werden vorab organisiert. Ziel ist eine sichere, gezielte und tierschutzkonforme Entnahme mit möglichst geringer Beeinträchtigung der Bevölkerung.Am Steinbrücker Teich gehört die gezielte Bejagung deshalb zum Maßnahmenpaket. Ziel ist nicht, sämtliche Gänse zu entfernen. Die Zahl der Gänse vor Ort soll jedoch spürbar und dauerhaft sinken, damit auch die Kotbelastung im Spielplatzbereich zurückgeht. Die Einsätze werden außerhalb der üblichen Nutzungszeiten durchgeführt und die betroffenen Bereiche gesichert. Anschließendes Monitoring zeigt, ob das Vorgehen erfolgreich ist. Grünflächendezernent Kolmer ergänzt: „Wo Vorbeugung und Vergrämung nicht ausreichen, ist die gezielte Bejagung ein notwendiges Instrument – immer unter strengen Sicherheits- und Tierschutzauflagen. Am Steinbrücker Teich geht es darum, die Kotbelastung für Familien dauerhaft zu reduzieren und den Tieren gleichzeitig ihren natürlichen Abstand zum Menschen zurückzugeben.“Wildtiere dürfen nicht gefüttert und Lebensmittelreste nicht offen zurückgelassen werden. Wer kranke oder verletzte Tiere, Wildunfälle oder auffällige Ansammlungen meldet, sollte den genauen Ort und möglichst auch die Tierart und Anzahl angeben. Hinweise zu Wildtieren können per E-Mail (wildtierbeauftragter@darmstadt.de) gegeben werden.