Zum Tod von Aviva Goldschmidt: Stadt Frankfurt trauert um prägende Persönlichkeit des jüdischen Lebens und engagierte Zeitzeugin

Veröffentlicht: Neuigkeiten Ort: Frankfurt

ffm. Die Stadt Frankfurt am Main trauert um die Holocaust-Überlebende Aviva Goldschmidt. Die in Frankfurt lebende Zeitzeugin ist am Dienstag, 9. Juni, im Alter von 87 Jahren gestorben. Mit ihrem Tod verliert Frankfurt eine prägende Persönlichkeit des jüdischen Lebens, eine engagierte Zeitzeugin und eine wichtige Stimme für Erinnerung, Zusammenhalt und gesellschaftliches Engagement. Die Stadt Frankfurt spricht ihren Angehörigen, ihren Freunden sowie allen Wegbegleiterinnen und Wegbegleitern ihr aufrichtiges Mitgefühl aus.

„Aviva Goldschmidt war eine ungewöhnliche Frau“, sagt Stadtverordnetenvorsteherin Claudia Korenke. Sie habe den Hass, den sie als Kind im Nationalsozialismus erleiden musste, in ihrem Leben in warme Zuwendung gegenüber den Menschen verwandelt. Als von der Mutter verstecktes Kind habe sie still sein müssen, „später hat sie aber gesprochen“, unter anderem mit unzählig vielen jungen Menschen in Schulen, um die Erinnerung an die NS-Verbrechen mit ihrem eigenen Erlebten lebendig und wach zu erhalten. „Aviva Goldschmidt war ein sehr sozial denkender Mensch, hat gegen jede Ungerechtigkeit gekämpft und ist jeder Form des Antisemitismus entschlossen entgegengetreten. Sie wird unserer Stadt fehlen.“

Oberbürgermeister Mike Josef sagt: „Bevor ich Aviva Goldschmidt persönlich kannte, hörte ich ihre Stimme. Im Theaterstück ,Lola Blau‘ erzählte sie selbst ihre Überlebensgeschichte. Ihre Erzählungen haben mich direkt ins Herz getroffen. Erst später lernte ich die Frau zu der Stimme kennen. Eine kleine, aber aufrichtige und sehr mutige Frau, die mich mit ihrer klaren Art tief beeindruckte. Dass Aviva zu mir sprechen konnte, dass sie den Holocaust überlebte, dass sie nach dem Trauma des Versteckens, der Flucht ihre Stimme wiedergefunden hat, ist ein unermessliches Glück. Mit Aviva Goldschmidt verliert Frankfurt eine Bürgerin auf die die ganze Stadt enorm stolz ist. Sie war eine mutige und wichtige Stimme, die weit über Frankfurt hinausgewirkt hat. Aviva Goldschmidt hatte auch im hohen Alter Zeugnis abgelegt. Sie hatte den Mut und die Kraft, von der mörderischen Verfolgung der Juden während der NS-Zeit zu erzählen. Wir trauern um diese wichtige Stimme und eine beeindruckende Frau.“

„Der Tod von Aviva Goldschmidt macht mich tief betroffen“, sagt Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft. „Mit ihr geht eine der letzten Zeitzeuginnen, die den Holocaust und das grauenhafte Regime der Nationalsozialisten noch erlebt haben und uns darüber berichten konnten. Aviva Goldschmidt hat im Versteck mit ihrer Mutter überlebt, in dem sie keine Geräusche machen durfte, nicht weinen, nicht lachen, nicht laut reden. Nach ihrer Befreiung hat sie lange nur geflüstert. Allein diese kleine Geschichte berührt mich sehr. Sie hat sich nach dem Krieg ihr Leben lang für ein aktives jüdisches Leben in Deutschland engagiert, hat hier bei uns in Frankfurt gelebt, mit Kindern und Jugendlichen immer wieder über die Zeit des Nationalsozialismus und die Schoa gesprochen. Mit ihr verlieren wir eine lebendige, engagierte, wunderbare Frau. Sie wird fehlen.“

Aviva Goldschmidt gehörte zu jener Generation von Holocaust-Überlebenden, die nach der Schoa nicht nur ein neues Leben aufbauten, sondern sich mit großem persönlichem Einsatz für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland engagierten. Ihr eigener Lebensweg war geprägt von Verfolgung, Verlust und Überleben während der nationalsozialistischen Herrschaft.

Geboren wurde Goldschmidt 1938 als Aniela Tuch-Apfelgrün in Boryslaw, damals Polen, heute Ukraine. Als jüdisches Kind erlebte sie die Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime. Gemeinsam mit ihrer Mutter wurde sie in das Zwangsarbeitslager Boryslaw verschleppt. Nach einer Flucht überlebten Mutter und Tochter die Zeit des Holocaust in Verstecken. Ihr Vater und ihr Bruder kamen ums Leben.

Seit den 1960er Jahren lebte Goldschmidt mit ihrem Mann und den beiden gemeinsamen Töchtern in Frankfurt. Über viele Jahrzehnte hinweg gestaltete sie hier das jüdische Leben aktiv mit. Als langjährige stellvertretende Vorsitzende des Gemeinderats der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sowie in zahlreichen weiteren Funktionen setzte sie sich für die Belange der jüdischen Gemeinschaft ein. Zugleich war sie eine unermüdliche Zeitzeugin. In Gesprächen mit Schülerinnen und Schülern, bei Gedenkveranstaltungen und öffentlichen Begegnungen berichtete sie von ihren Erfahrungen während der Schoa und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur und historischen Bildungsarbeit.

Mit ihrer Entschlossenheit und ihrer Menschlichkeit hat Aviva Goldschmidt weit über die jüdische Gemeinschaft hinaus Spuren hinterlassen. Ihr Wirken wird in Frankfurt in dankbarer Erinnerung bleiben.